Geschichtspolitik und liberale Demokratie

Mit Geschichte wird Politik gemacht

Geschichte bietet Orientierung für die Gegenwart. Die rechtspopulistische Geschichtspolitik zielt hingegen darauf ab, unsere Geschichte der repräsentativen Demokratie in die Geschichte einer faktischen Diktatur umzudeuten. Wie verhalten sich Geschichtspolitik und liberale Demokratie zueinander? Was ist liberaldemokratische Geschichtspolitik und wie funktioniert sie? Und wie lässt sich rechtspopulistischer Geschichtspolitik in der liberalen Demokratie begegnen?

Zur Autorin

Dr. Claudia Gatzka ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas am Historischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. In ihrem Buch „Schleichend an die Macht. Wie die Neue Rechte Geschichte instrumentalisiert, um Deutungshoheit über unsere Zukunft zu erlangen“ beschäftigt sie sich mit rechspopulistischer Geschichtspolitik.

Der Text dieser Seite beruht auf einem Thesenpapier, das Claudia Gatzka im Rahmen ihres Vortrags für die „Stuttgarter Präventionsgespräche“ erstellte und dem Team meX zur Verfügung gestellt hat. Der Vortrag fand am 10.06.2021 statt, die Inhalte wurden von der Internetredaktion der LpB BW aufbereitet. 

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Kurz & knapp: Was ist Geschichtspolitik?

Was ist Geschichtspolitik?
Geschichtspolitik ist der Versuch, eine Interpretation von vergangenen Ereignissen politisch zu nutzen. Der Begriff steht für die öffentliche Funktionalisierung von Geschichte mit konkreten politischen Absichten oder zum Zwecke der Behauptung moralischer Positionen.

Wer betreibt Geschichtspolitik?
Sie kann prinzipiell von allen möglichen Akteurinnen und Akteuren in sämtlichen politischen Systemen ausgehen, auch von Repräsentanten demokratischer Staaten.

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Wirkungen und Intentionen von Geschichtspolitik

Unabhängig vom konkreten Zweck wirkt Geschichtspolitik stets auf das Geschichtsbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger ein und soll dort auch wirken. Sie soll aber darüber hinaus auch eine allgemeine Orientierung in der Gegenwart bieten. Geschichte, verstanden als Erzählungen über die Vergangenheit, erfüllen in modernen Gesellschaften stets gegenwärtige Orientierungsbedürfnisse, und deshalb ist Geschichtspolitik für politische Akteure so interessant.

Wer Deutungsmacht über die Vergangenheit erringt und damit Erinnerung lenken kann, steuert die Wahrnehmungen der Gegenwart und gibt subtil vor, wie die Zukunft aussehen soll.

Alltagsorte von Geschichtspolitik sind nicht nur Museen und Gedenkstätten, Denk- und Mahnmäler oder politische Reden anlässlich von Jubiläen, Feier- und Gedenktagen. Auch in Romanen und Sachbüchern, Filmen und Serien, Computerspielen und im Schulunterricht findet Geschichtspolitik statt. 

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Rechtspopulistische Geschichtspolitik

Geschichtspolitik, genauer die Erzählungen, die man jeweils über die Vergangenheit auswählt und verbreitet, kann eher progressiv, also aufklärerisch und emanzipatorisch, oder eher regressiv, also legitimatorisch und traditional, ausgerichtet sein.  Daraus ergibt sich ein spezifisches Problem für demokratisch inspirierte Geschichtspolitik: Demokratinnen und Demokraten neigen eigentlich zu emanzipatorischen und aufklärerischen Erzählungen.

Doch in einem demokratisch organisierten Staat, in dem abstrakte politische Gleichheit und Freiheiten durchgesetzt sind, sind Demokraten automatisch gezwungen, legitimatorische Geschichtspolitik zu betreiben, um den demokratischen Staat zu stützen und zu stabilisieren. Das Errungene zu verteidigen heißt dann für Demokratinnen und Demokraten aber, konservativ aufzutreten.


Rechtspopulistische Strategien in der liberalen Demokratie
Antidemokratische und antistaatliche Kräfte werden demgegenüber stärker zu emanzipatorischen, aufklärerischen und kritischen Erzählungen greifen, um den demokratisch organisierten Staat zu delegitimieren. Das macht derzeit die rechtspopulistischen Strategien im Umgang mit Geschichte aus. Sie zielen stets darauf, den demokratisch organisierten Staat und seine liberalen Eliten zu diskreditieren, indem sie ihnen historische Mängel (v. a. eine vermeintliche Repression des Volkes in den vergangenen Jahrzehnten) nachweisen wollen, oder aber in der Geschichte der Nation völlig andere Kräfte am Werke sehen („das Volk“, „das Deutschtum“), die in der Gegenwart durch liberale Eliten unterminiert würden.

Stets dienen diese rechtspopulistischen Erzählungen dazu, aufzurütteln und Bürgerinnen und Bürger für eine mutmaßliche Befreiung von den Fesseln zu mobilisieren, die ihnen der demokratische Staat auferlege. Die Geschichte repräsentativer Demokratien wird wie die Geschichte einer faktischen Diktatur erzählt, um daraus die emanzipatorische und aufklärerische Funktion rechtspopulistischer Geschichtspolitik zu entwickeln.

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Demokratische Strategien im Umgang mit rechtspopulistischer Geschichtspolitik

Pluralismus zum Leitbild machen

Strategie 1: Positive Erzählungen über die Demokratiegeschichte der Deutschen

Eine Möglichkeit wäre, die Abkehr vom Fokus auf die NS-Verbrechen und überhaupt von einer demokratischen Geschichtspolitik, die für eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte steht (seit den 1980er Jahren, wesentlich durch die SPD unter Willy Brandt vertreten). Stattdessen sollten positive Erzählungen über die Demokratiegeschichte der Deutschen im Fokus stehen:

  • Herausstellen demokratischer „Heldinnen und Helden“ in der deutschen Vergangenheit,
  • Betonung und Verankerung demokratischer Errungenschaften in der Erinnerungskultur.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fordert dies seit mehreren Jahren. Die Suche nach positiven Vergangenheitsbezügen, auf die Deutsche stolz sein können, um die eigene Identität zu stabilisieren, ist mithin keineswegs undemokratisch, nur relativ neu in der Geschichte der liberaldemokratischen Geschichtspolitik in der Bundesrepublik.
 

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Strategie 2: Pluralismus zum Leitbild machen

Wer Pluralismus zum zentralen Marker und Leitbild liberaldemokratischer Geschichtspolitik macht, führt damit zugleich auch den Beweis, dass es sich eben gerade nicht um eine „Diktatur" liberaler Eliten handelt.

  • Eine Strategie ist, darauf hinweisen, dass es keinen Zwang zur einheitlichen und erst recht keine staatlich vorgeschriebene Erzählung über die Vergangenheit gibt, sondern diverse Deutungsangebote, über die öffentlich gestritten wird – innerhalb wie außerhalb der Geschichtswissenschaft.
     
  • Die Pluralität der Deutungen und Erzählungen ergibt sich aus den unterschiedlichen Perspektiven der Historikerinnen und Historiker, der Bürgerschaft sowie der Politikerinnen und Politiker. Diese sozialen, kulturellen und politischen „Sehepunkte“ entscheiden auch darüber, was aus der Vielfalt historischer Vergangenheit überhaupt als wichtig befunden wird und deshalb in den Blick kommt.
     
  • Die Geschichte selbst sollte als pluralistisches Gebilde imaginiert und präsentiert werden. Prämisse von geschichtspolitischen Erzählungen ist, dass Menschen in der Vergangenheit unterschiedlich waren und deshalb auch unterschiedlich wahrnahmen, deuteten, erlebten (was wissenschaftstheoretisch nicht bedeutet, sie ungleich zu machen, sondern lediglich, ihnen unterschiedliche, aber stets legitime Standpunkte zu unterstellen).
     
  • Vielfalt und Komplexität in der Geschichte sichtbar zu machen heißt vor allem, sich von „Volk” und „Nation” als den primären historischen Subjekten zu verabschieden und „die Deutschen“ nicht als monolithischen Block oder überzeitliche Essenz darzustellen. Die Pluralität der Geschichten von Menschen kommt in Geschichten „Deutschlands“, oder „des Kaiserreichs“ oder „des Dritten Reichs“ kaum zur Geltung. Vielmehr wird die Komplexität hier reduziert und vergangene Realität letztlich unzulässig verkürzt – denn wer oder was ist eigentlich „Deutschland“, „das Kaiserreich“ oder „das Dritte Reich“? Stattdessen sollte man benennen, von welchen Akteurs- oder sozialen Gruppen jeweils die Rede ist. Dazu muss man wissen, welche unterschiedlichen sozialen und kulturellen Gruppen in welchen Epochen wichtig waren (z. B. wichtige Rolle ausländischer Arbeitskräfte im Deutschen Kaiserreich, beim Eisenbahnbau, beim Bau des Berliner Reichstagsgebäudes usw.). Liberaldemokratische Geschichtspolitik kann so auch zur soziologischen Grundausbildung der Bürgerinnen und Bürger beitragen.
     
  • Rechtspopulistische Geschichtspolitik dekonstruieren: „das Volk“, „die Deutschen“, „die Germanen“, „die Preußen“ usw. lassen sich mit Blick auf den geschichtswissenschaftlichen Forschungsstand sehr schnell als Imaginationen der Gegenwart entlarven, die auf die Vergangenheit rückprojiziert werden und dann zu unzulässigen Anachronismen oder Verzerrungen führen. 

Beispiel: Germanen

Beispiel: Germanen

Sich durch Verweis auf „die Germanen“ in eine lange Tradition „deutscher“ Geschichte stellen zu wollen, scheitert schon daran, dass es nie Germanen gegeben hat, die sich darüber bewusst gewesen wären, Germanen oder gar „Deutsche“ zu sein. „Germanen“ war eine Fremdzuschreibung und damit eine Erfindung der Römer für Stämme, die östlich des Rheinufers lebten. Jenseits dessen gibt es keine objektiven Kriterien, nach denen Historiker bestimmen könnten, wer ein Germane war und wer nicht. 

Beispiel: Preußen

Beispiel: Preußen

Wohl kaum jemand scheint so eindeutig für „Preußen“ und preußische Geschichte zu stehen wie die Hohenzollern. Doch wenn man schon die Abstammung zum wichtigsten Prinzip von Geschichte erhebt, wie Rechtspopulisten das so gern tun, muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Hohenzollern überhaupt keine Preußen sind. Erstens gab es eine Idee von „Preußen“ überhaupt noch gar nicht, als die Hohenzollerndynastie historisch sichtbar wurde, und zweitens stammten sie von der Schwäbischen Alb und blieben bis ins Späte Mittelalter hinein lieber in Süddeutschland, an ihrem Stammsitz in Ansbach anstatt in der Mark Brandenburg, die ihnen später übertragen wurde. Der erste Kurfürst der Hohenzollern, Albrecht Achilles, war ein „landfremder Fürst“ in Brandenburg und ließ sich dort kaum blicken.

Beispiel: „Fremdheit“

Beispiel: „Fremdheit“

Mobilität und Migration und das damit verbundene historische Phänomen der „Fremdheit“ sind als grundlegende Prinzipien vergangener Wirklichkeit gegenüber den falschen Annahmen der Rechtspopulisten von beständiger Sesshaftigkeit und fest umrissenen Abstammungsgemeinschaften besonders herauszustellen.

  • Liberaldemokratische Geschichtspolitik muss ihren Fokus auf die Geschichte von Themen anstatt von hochgradig konstruierten nationalen Kollektiven lenken. Damit wäre auch wieder mehr Nähe zur Geschichtswissenschaft hergestellt, die heute vorwiegend systematisch und transnational historische Probleme und Phänomene erforscht.

    Beispiele wären:
    • Mobilität und Migration (Museen für Mobilität und Migration können die lange und wichtige Geschichte deutschsprachiger Auswanderung und Einwanderung nach Deutschland sichtbar machen).
    • Herrschaft und Protest (Probleme der Interaktion von Herrschenden und Beherrschten ziehen sich durch die Geschichte und sind breit erforscht. Sie könnten für den deutschsprachigen Fall wie auch vergleichend sehr viel stärker in der Geschichtspolitik akzentuiert werden.)
    • Rollenbilder und Praktiken von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Geschichte könnten den weit fortgeschrittenen Forschungsstand zur Konstruktion von Geschlechtern geschichtspolitisch verwerten. Themen, die sich anbieten würden, wären auch Paarbeziehungen, Körpergeschichten über Verhütung, Schwangerschaft, Geburt, Abtreibung (als Phänomene, die Menschen und vor allem Frauen schon immer begleitet haben), Prostitution oder Erziehung.
    • Demokratie und „das Demokratische“ als ein Versprechen, das in der Moderne sehr viele Menschen mobilisiert, aber auch sehr viele enttäuscht hat. Die Geschichte der Demokratie als eines solchen Versprechens und seine schwierige Umsetzung zu beleuchten und dabei zu fragen, warum sie immer wieder Enttäuschungen mit sich bringt, würde auch der Orientierung in der unübersichtlich gewordenen repräsentativen Demokratie der Gegenwart dienen. 
    • Geschichte der Globalisierung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die in der Geschichtswissenschaft breit erforscht worden ist und Kausalbeziehungen zwischen wachsender globaler Interdependenz und der Abschottung von Staaten und Völkern voneinander aufgezeigt hat. Auch hier könnte eine thematisch orientierte Geschichtspolitik Orientierungsleistungen für die Gegenwart erfüllen.

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Quellen

Quellen

Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990, Darmstadt 1999, S. 25 f.

Cord Arendes: Geschichte als politisches Argument, in: Felix Hinz/ Andreas Körber (Hg.), Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte, Göttingen 2020, S. 425, 427, 429.

Stefan Jordan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft, Paderborn 2009, S. 145.

Mischa Meier: Caesar hat die Germanen erfunden – oder doch nicht?, in: Martin Langebach (Hrsg.), Germanenideologie. Einer völkischen Weltanschauung auf der Spur, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2020, S. 15–38.

Claudia C. Gatzka: Praktiken der „Demokratie”. Über ein Problem politischer Kommunikation nach 1945, in: HEUSS-FORUM 1/2019, www.stiftung-heuss-haus.de/heuss-forum_1_2019, 06.03.2020.

Sonja Dolinsek: Konfliktlinien deutscher Demokratiegeschichtsschreibung, in: Public History Weekly 9 (2021) 3, DOI: https://www.doi.org/10.1515/phw-2021-18178.

Ist Geschichtspolitik nicht dasselbe wie Geschichtswissenschaft?

Ist Geschichtspolitik nicht dasselbe wie Geschichtswissenschaft?

Zentral zur Unterscheidung von Geschichtswissenschaft ist, dass Geschichtspolitik in der Öffentlichkeit stattfindet und historisches Wissen gezielt zu nichtwissenschaftlichen Zwecken (also Erkenntniszwecken) einsetzt. Als solche kann sie auch von professionellen Historikerinnen und Historikern selbst ausgehen. 

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